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Der junge Mann der ein Pechvogel war

Der junge Mann war ein rechter Pechvogel. Nichts, was er im Leben anfasste wollte ihm gelingen. Da hörte er eines Tages von einer weisen Frau, tief im finsteren Wald, die auf jede Frage eine Antwort wisse. “Eine Frage hätte ich schon. Ich möchte für mein Lebtag gern wissen, warum ich immer so viel Pech habe.“ Nach dem er lange über diese Frage nachgedacht hatte, ohne eine Antwort zu finden, beschloss er zur weisen Frau im finsteren Wald zu gehen. Er wanderte über Feld und Flur und gelangte endlich an den Waldrand. Kaum war der Pechvogel die ersten Baumreihen hinter sich gebracht, als ein Wolf auf ihn zusprang. Der war so klapperdürr, dass alle Knochen durch sein Fell schimmerten. Er sah den Pechvogel und dachte: „Da kommt mein Abendessen auf zwei Beinen daher.“ Er riss seinen Rachen auf, seine Augen funkelten gefährlich. Gerade als er zubeißen wollte sagte der Pechvogel: „Halt! Friss mich nicht! Ich bin auf dem Weg zur weisen Frau, im finsteren Wald. Sie weiß Antwort auf alle Fragen, ganz sicher auch auf deine.“ Der Wolf überlegte kurz: „Wenn du mir versprichst sie zu fragen, warum ich immer Hunger habe und nie satt werde, dann lass ich dich laufen.“ „Das will ich dir wohl versprechen. Wenn ich der Frau eine Frage stellen kann, so kann ich ihr gewiss auch zwei Fragen stellen.“, antwortete der Pechvogel und nahm die zweite Frage mit auf seinen Weg durch den Wald, der immer dunkler wurde. Als er an einen Bach kam wollte er Wasser schöpfen um zu trinken. Da hörte er eine feine leise Stimme. Er sah sich um und entdeckte einen kleinen verwachsenen Baum. Der flüsterte ihm zu: “Freund, warum läufst du allein durch den finsteren einsamen Wald?“ „Ich bin auf dem Weg zur weisen Frau im finsteren Wald. Sie weiß Antwort auf alle Fragen.“ „Freund, sei so gut und frage sie für mich, warum ich so klein und schmächtig bin, während meine Brüder zu stattlichen Bäumen herangewachsen sind. Frag sie warum ich nicht wachsen kann. Willst du das für mich tun, wenn du zu ihr kommst?“ „Das will ich gerne tun. Wenn ich der weisen Frau zwei Fragen stellen kann, dann dürfen es gewiss auch drei sein.“ Er nahm die dritte Frage mit auf den Weg, verabschiedete sich, und lief weiter in den Wald hinein. Nach einer Weile kam er an eine Waldlichtung. Darauf stand ein hübsches gemütliches Häuschen, Rosen umkränzt und von Blumenbeeten umsäumt. Der Kamin rauchte und es roch herrlich nach Essen. Der Pechvogel klopfte an die Tür. Eine wunderschöne junge Frau öffnete ihm die Tür. Ihr gefiel der hübsche junge Mann und sie bat ihn herein. Sie gab ihm zu Essen und weil es schon Nacht war, gab sie ihm für die Nacht ein Obdach. Am nächsten Morgen zog der Pechvogel weiter. Der Abschied fiel ihr schwer. „Wenn du unbedingt zur weisen Frau in den Wald gehen musst, so nimm eine Frage von mir mit.“, bat sie. „Schau, ich habe alles was ich brauche, ein Haus, genug zu essen, Kleidung. Es fehlt mir an nichts und doch bin ich nicht glücklich. Irgendetwas fehlt mir. Ich weiß aber nicht was.“ Der Pechvogel sagte: “Wenn ich der weisen Frau drei Fragen stellen kann, so wird sie mir auch wohl vier beantworten.“ Mit nun mehr vier Fragen machte er sich erneut auf den Weg und lief, bis er gegen Mittag an eine Hütte kam. Die stand mitten im finstersten Wald. Er näherte sich der Hütte, schaute durch ein Fenster und sah eine Frau, die rührte in einem großen Fass herum. Der Pechvogel klopfte, trat ein, und fragte: „Bist du die weise Frau, die alle Fragen beantworten kann?“ Sie tat sehr freundlich: „Ja, die bin ich. Hast du denn eine Frage?“ „Ich habe sogar mehrere Fragen. Die erste soll ich dir vom Wolf stellen. Er will wissen, warum er immer so hungrig ist und niemals satt wird. Als zweites möchte das schmale schmächtige Bäumchen wissen, warum es nicht wachsen kann und nicht so groß wird wie seine Brüder. Die dritte Frage kommt von einer jungen Frau, die wissen möchte was ihr am Glück fehlt obwohl sie alles hat.“ Auf alle Fragen wusste die Frau zu antworten. Dem Pechvogel ließ sie wissen: „Dein Glück liegt auf deinem Weg. Du musst es nur nehmen. “Der Pechvogel freute sich, dankte und machte sich auf den Heimweg. Er kam zu der Lichtung mit dem Häuschen. Die junge schöne Frau erwartete ihn schon und fragte ihn: „Warst du bei der weisen Frau? Hast du eine Antwort auf meine Frage bekommen? Warum kann ich nicht glücklich sein? “Der Jüngling antwortete: „Die weise Frau sagte, zu deinem Glück fehle dir ein hübscher junger Mann.“ Da machte sie große Augen und fragte ihn, ob er nicht bleiben wolle. Sie wolle alles was sie besitze mit ihm teilen, ein Leben lang. Doch er antwortete: „Nein, ich kann nicht bleiben, denn zu mir sprach sie, das Glück liege auf meinem Weg. Deshalb muss ich weiter.“ Damit eilte er davon. Er rannte weiter durch den Wald, bis er wieder an den Bach kam. Flüsternd fragte der kleine Baum: „Mein Freund, hast du die Frau gefunden? Hast du sie fragen können, warum ich nicht wachse wie meine Brüder? Warum muss ich so klein sein“ „Die Erklärung ist ganz einfach. Unter deinen Wurzeln liegt eine Truhe. Sie ist mit Gold angefüllt. Du brauchst nur jemanden finden, der die Truhe ausgräbt. Dann haben deine Wurzeln Platz und du kannst wachsen.“ Da bat das Bäumchen: „Kannst du die Truhe nicht ausgraben und meine Wurzeln befreien? Hast du das getan, behalte das Gold für dich, mir liegt nichts daran. Du kannst es behalten.“ „Nein, nein!“ rief der Jüngling. „Ich habe keine Zeit, denn mein Glück liegt auf meinem Weg.“ Und so lief er eilig weiter, bis er zum Waldrand kam. Dort wartete der Wolf, funkelte mit seinen Augen und riss das Maul weit auf. Dann erinnerte er sich: „Halt! Bist du nicht der junge Mann, den ich hab laufen lassen, weil er zur weisen Frau wollte um ihr eine Frage von mir zu stellen?“ „Ja, und ich habe ihr auch deine Frage gestellt.“ „Nun?“ Ich weiß auch die Antwort für dich. Ich habe sie aber nicht richtig verstanden.“ „Ja, was hat sie denn gesagt?“ wollte der Wolf wissen. „Sie sagte: Wenn er bis zu dir kommt, dann kannst du ihn fressen.“

Märchen aus Tirol

Zitat

"Es ist besser, zu genießen und zu bereuen, als zu bereuen, dass man nicht genossen hat."

(Giovanni Boccaccio) 

 

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